Archiv für Juni 2007

Kohle her!

Die Volxküchen, die die vielen tausend Menschen in den Camps und bei den Blockaden während der Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm mit lecker veganem Essen und Getränken versorgt haben, sind dank der Solidarität und Spendenbereitschaft der WiderständlerInnen sogar mit leichtem Plus rausgekommen. Die Überschüsse gehen an die Antirepressionsarbeit.
Wobei wir auch schon beim Thema wären:
Für die Betroffenen der Polizeirepressionen vor, während und nach dem G8-Gipfel wird Geld benötigt. Anwälte, Gerichtskosten, Geldstrafen,… bezahlen sich nciht von alleine und sollten auch nicht von einzelnen bezahlt werden.
Betroffen sind zwar Einzelpersonen, gemeint sind aber wir alle!

Also zeigt euch solidarisch und spendet!

Wir brauchen eure Solidarität auch in Form von Spenden:
Rote Hilfe e.V.
Konto 191 100 462
BLZ 440 100 46
Postbank Dortmund
Stichwort/Usage „G8-Gipfel“

Für Spenden aus anderen Ländern:
IBAN: DE75 4401 0046 0191 1004 62
SWIFT-BIC: PBNKDEFF

[G8] Der erste Blockadetag der Straße zum Osttor von Heiligendamm, 6.6.07

Bericht einer Bezugsgruppe

Das Training der Fünffingertaktik

Im Camp Reddelich fanden jeden Tag von BlockG8 organisierte mehrstündige Trainings für die im Castorwiderstand erfolgreich angewandte Fünffingertaktik statt. Diese Taktik ist explizit gewaltfrei und fußt auf der schieren Masse der TeilnehmerInnen:
Gemeinsam geht es los, aber jedEr ist einem bestimmten „Finger“ zugeteilt, die durch verschiedenfarbige Fahnen zu erkennen sind. Schon weit vor der Polizeilinie spreizen sich die Finger auseinander und die einzelnen Finger wiederum auch. So entsteht eine langezogene „Front“ von Menschen, die von den zahlenmäßig unterlegenen PolizeibeamtInnenn nie ganz aufgehalten werden kann. Auch wenn einzelne geschnappt werden, gelangt doch die große Mehrheit ans Ziel. In diesem Falle auf die Zufahrtsstraße zum östlichen Tor des Zauns. Dort blockiert mensch dann die Straße, so wie es im Training geübt wurde.
Und geübt haben wir: Vier Stunden dauerte unser Training. Ein Teil der Leute mimte die PolizistInnen, die die Straße zu schützen hatten, der andere Teil spielte die BlockiererInnen.
Verschiedene Methoden, eine Polizeikette zu durchbrechen, bzw. zu durchfluten wurden geübt. Wie bilde ich eine wirkungvolle Kette, gegen Greiftrupps der Polizei, wie blockiere ich wirkungsvoll die Straße, wie bilde ich eine Bezugsgruppe und für was ist die gut,…?
Das Training machte Spaß, nahm den Druck, machte Mut und schaffte ein gutes Gefühl zu den anderen TeilnehmerInnen.
Es gab mehrere Plena, an denen die Delegierten der einzelnen Bezugsgruppen teilnahmen. Hier wurden die Einzelheiten besprochen und dann von den Deligierten in ihre Gruppen getragen. Diese gaben wiederum Fragen und Antworten weiter ins Plenum.
Diese basisdemokratische Methode sollte einen hierarchiefreien Informationsfluss garantieren.

Der Marsch zur Zufahrtsstraße

Morgens um neun Uhr trafen sich alle am großen Zirkuszelt. Wir hatte einige hundert erwartet. Um so erstaunter waren wir, als wir sahen, dass es tausende sein mussten.
Jede Bezugsgruppe stellte sich hinter der im Plenum zugewiesen bekommenen Fahne auf.
Und los gings.
Der Strom aus Reddelich wollte kein Ende nehmen. Wir brauchten die ganze Breite der Straße. Autos steckten in der Menge fest. Eine Fahrerein stieg aus, öffnete den Kofferraum und verteilte Unmengen an Brot, Brötchen und Kuchen an die Menschen.

6.6.07 blockade osttor heiligendamm
[Tausende…]

Als die Straße durch einen Wald führte, wurde sie von der Polizei blockiert. Was soll’s. Wir schwenkten nach links in den Wald und nach langer Wanderung standen wir vor den offenen, leicht hügeligen Feldern. Hier kamen alle Finger noch einmal zusammen. Und es war ein beeindruckendes Bild, wie immer mehr Menschen aus dem Wald auf das Feld strömten.

6.6.07 blockade osttor heiligendamm
[Über Stock und Stein…]

Wir sortierten uns nocheinmal fingerweise und dann gings los zur letzten Etappe vor der Straße.
Die Spannung stieg. Die Menschen riefen Parolen, fassten sich an den Händen, machten sich Mut.
Wir konnten sehen, wie der Kleine Finger in der Ferne von einem lächerlich kleinen Trupp PolizistInnen begleitet wurde. Eine Rinderherde rannte in Panik vor ihnen her.

Nun konnten wir die Straße sehen. Nur wenige PolizistInnen. Über die Gleise hinweg und plötzlich standen wir auf der Straße. Ohne auch nur in die Nähe einer Plozeikette gekommen zu sein…
Die Straße war dicht, zu, blockiert. Wir waren so viele, dass allen klar war: so schnell räumen die uns nicht!
Das erste Ziel war also erreicht.

Die Blockade

Wir setzten uns erstmal hin. Ruhten uns aus von dem anstrengenden Marsch durch die Pampa.
Wir waren in Sichtweite, ca. 300 Meter vor dem Zaun.

Auf der anderen Seite der Straße verlief parallel zu ihr ein durch Netze flankierter Nato-Draht. Vorausdenkende vermummte AktivistInnen zwickten ihn durch, fächerten ihn zusammen und bedeckten ihn mit Holz, Gestrüpp und Ästen. Im Falle einer Massenpanik wäre dieser fiese Draht eine üble Falle gewesen.

6.6.07 blockade osttor heiligendamm
[Sicherheitsteam im Einsatz]

Einige BlockiererInnen kritisierten diese Aktion. Wir hätten doch den Konsens der Gewaltfreiheit.
Auf die Frage, ob denn einen Natodraht zu durchtrennen schon Gewalt sei, hatten sie keine Antwort…
Immer mehr Menschen griffen den Vermummten unter die Arme und in kurzer Zeit war der Stacheldraht keine Gefahr mehr.
Das Beste daran war, dass ein riesiges Klo entstanden war: Im Wald konnte mensch ungestörter pissen und kacken, als auf dem freien Feld, das voller JournalistInnen und PolizistInnen war.
Und auch die KritikerInnen nutzten die Möglichkeit.

Die Stimmung war ansonsten sehr gut. Die Menschen unterhielten sich, lachten miteinander, lasen Zeitung, bauten sich Hängematten aus dem Netz, das den Nato-Draht flankiert hatte, schliefen, spielten,…

6.6.07 blockade osttor heiligendamm
[Wir sind gekommen, um zu bleiben!]

Ständig fanden Delegiertenplena statt, in denen die weiteren Schritte diskutiert und beschlossen wurden.

Immer wieder wurde Essen von fahrenden Volxküchen herangekarrt und heißer Kaffee ausgeschenkt.

Agent provocateur und andere Polizeimanöver

Die Polizei hielt sich zurück und beschränkte sich darauf, Präsenz zu zeigen und mit Hubschraubern herumzufliegen ( an diesem Tag wurde von mehreren Personen ein Bundeswehrhubschrauber im Einsatz gesehen ).
Des weiteren streute sie gezielt Falschmeldungen über Molotov-Cocktails, verletzte Kollegen, umstellte Camps, geräumte Blockaden, gewaltbereite Schwarzvermummte, die Steine sammeln würden,…
Und die gleichgeschaltete Presse veröffntlichte brav all diesen Bödsinn.
Am Nachmittag dann gab es vorne am Zaun vor der Polizeikette eine Rangelei: Ein als „Mitglied des Schwarzen Blocks“ verkleideter Bremer Polizist wurde von Bremer Genossen erkannt und enttarnt. Dieser Agent Provocateur hatte wiederholt dazu aufgerufen, Steine auf die Polizisten zu werfen.
Er wurde seinen Kollegen in Uniform übergeben. (Später bestätigte die Polizeiführung, den Einsatz von getarnten Beamten. Natürlich nur zur Observation…)

6.6.07 agent provocateur osttor
[Agent provocateur: Der will nur spielen…]

You lost – we won!

Die Blockade hielt durch bis Freitag. Das Konzept der Fünffingertaktik ging auf. Das Konzept der Polizei war für den Arsch. Trotz massiver Provokationen, Aussetzen der Demonstrationsfreiheit, Falschmeldungen, Einschüchterungen, Platzverweisen für Ärzte und Rechtsanwälte und vielen anderen Versuchen, den Widerstand zu schwächen, schafften es tausende von Menschen ihren Willen gegen eine hochgerüstete, mit allen technischen Raffinessen ausgerüstete Polizei durchzusetzen.
Der G8-Gipfel wurde so natürlich nicht verhindert. Diesen Anspruch hatte wohl auch niemand wirklich.
Aber wir konnten einer großen Öffentlichkeit zeigen, dass wir gemeinsam etwas erreichen können gegen Polizeiarmeen und Demoverbote. Und dass nicht alle einverstanden sind mit der herrschenden Ordnung.

Nun muss es weitergehen…!

[Fotos aus dem Internet]

Kein Mensch ist illegal!

Info- und Cocktailstand von SAGA und alarm e.v. auf dem Internationalen Fest in Offenburg

23.6.07 internationales fest offenburg
[ninguna persona es ilegal]

Am Samstag, den 23.6., fand auf dem Offenburger Marktplatz das alljährliche Internationale Fest statt. Musik, Kultur, Essen aus vielen Gegenden der Welt wurden dargeboten.
Ein hauptsächlich auf den Konsum der schönen Seiten der Welt ausgerichtetes Fest.
Themen wie Migration, die Toten an den Außengrenzen der Europäischen Union und die rassistische Innen- und Asylpolitik Deutschlands hatten hier bisher wenig Platz.

SAGA ( Südbadisches Aktionsbündnis Gegen Abschiebung ) und alarm e.v. wollten dies ändern.
Neben wenigen anderen Ständen, informierten die AktivistInnen des Bündnisses über Abschiebepraxis in Deutschland und über die Lebensumstände der wenigen Menschen, die hier noch als Flüchtlinge geduldet oder anerkannt werden.

23.6.07 internationales fest offenburg

Die Resonanz war bis auf wenige Ausnahmen positiv. Viele Menschen informierten sich und nahmen das angebotene Infomaterial mit.

23.6.07 internationales fest offenburg
[Mit Schäuble der Sonne entgegen…]

MigrantInnen nahmen die angebotene Beratung an.

„Wir sind rundum zufrieden mit der Resonanz auf unseren Stand!“ äußerte sich ein Aktivist von SAGA.

Der Gewinn aus den verkauften Cocktails geht an das Freiburger Rasthaus, wo er einem Projekt zugute kommt.

23.6.07 internationales fest offenburg
[Das Motto des Tages…aller Tage!]

Bleiberecht für alle!
Für eine Welt ohne Grenzen und Nationen!

[G8] : Demonstration im Rahmen des Migrationstages am 4.6.07

Bericht eines Genossen

Abfahrt vom Camp Reddelich

Morgens um elf Uhr trafen sich alle, die zur Demonstration in Rostock wollten.
Gemeinsam gings zum Bahnhof. Der Zug war wie immer in diesen Tagen voll: Kein Schaffner kam durch, ergo war kostenfreies Bahnfahren angesagt (hier ein herzliches Dankeschön an dieBahn…).

Aus strategischen Gründen stiegen alle vor dem Hauptbahnhof an der Haltestelle Thierfelder Straße aus.
Die Bullen hatten schon den Bahnsteig vorne und hinten dichtgemacht, seitlich wurden wir vom Zug (der stehenblieb) und dichten Dornhecken gekesselt.
Aggressiv und frech bahnten sich immer wieder Trupps von Bullen ihren Weg durch sie Menge, wobei mindestens immer ein Bulle filmte.

Filmteam in green

Die Forderung der Bullen war, dass wir wieder in den Zug steigen sollten, um nach Rostock Hauptbahnhof zu fahren, wo wir wahrscheinlich von einem größeren Aufgebot von Cops empfangen worden wären.
Als hätten sie nichts besseres zu tun, folgten viele Menschen diesem Befehl. Plötzlich war der Zug wieder voll. (Es ist immer wieder erstaunlich zu beobachten, wie autoritätshörig selbst Menschen aus der (radikalen) Linken sind: Wir waren in enormer Überzahl, aber eine Uniform befiehlt und wir springen…). Wir forderten sie lautstark auf, wieder rauszukommen.
Erst als der Demozug an der Haltestelle vorbeizog und wegen uns stehen blieb, gaben die Bullen nach: Wir konnten uns in die Demo einreihen.

Die Demo, die keine wurde…

Gemeinsam ging es zum AsylbewerberInnenheim in der Satowerstraße, wo die Demo beginnen sollte.

Dort gab es erstmal lecker Vokü, Redebeiträge von Flüchtlingen, AktivistInnen und Musik.
Der Platz füllte sich zusehends. Die Stimmung war gut.

Vor dem AsylbewerberInnenheim in der Satowerstra�e
[Der Platz vor dem AsylbewerberInnenheim war voll]

Losgehen konnte es lange nicht, da uns die Nachricht erreichte, dass hunderte von Menschen von den Bullen an der Teilnahme der Demo gehindert wurden.
Irgendwann war es dann soweit, die fehlenden GenossInnen erreichten den Platz: Wir gingen los.
Und zwar circa 200 Meter.

4.6.07 migrationsdemo rostock g8
[Seitenstraße dicht: Der Schwarze Block und seine Wasserwerfer]

Ab hier begann ein schikanöses Spiel der Bullen. Zuerst wurden wir aufgehalten, weil angeblich 500 gewaltbereite DemonstrantInnen ( Oh Graus! Der Schwarze Block…) in die Demo eingesickert wären. Sie seien bewaffnet mit Steinen. Und außerdem sollten die „Äxte und Beile“ aus der Demo entfernt werden. Diese absurde Behauptung löste entweder fassungsloses Kopfschütteln oder Gelächter aus.
Der Konsens innerhalb der Menge war klar: Keine Gewalt, auf Provokationen der Bullen nicht reagieren. An der Demo nahmen viele Menschen mit nicht sicherem Aufenthaltsstatus, Sanspapiers (Menschen ohne gültige Papiere) und Menschen, die für die Demo ihre Residenzpflicht verletzt hatten, teil. Diese Menschen galt es zu schützen.
Dennoch (oder gerade deshalb?) wurden wir mit einem riesigen Aufgebot an Bullen, Wasserwerfern, Räumpanzern, Kameras und einem Helikopter bedacht.

Alle paar hundert Meter wurde die Demo von den Bullen angehalten.
Dennoch war die Atmosphäre positiv und kämpferisch: Sprechchöre in allen möglichen Sprachen, viele Transparente, Musik, laufend Redebeiträge. Ein großteil der DemonstrantInnen ging in Ketten.

Als wir uns der Innenstadt näherten, wurde die Demo wieder angehalten: Die Stadt Rostock wollte uns nicht durch die Innenstadt ziehen lassen, da die Demo nur für 2000 TeilnehmerInnen angemeldet gewesen sei ( Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das eine Lüge war: bei den Vorbereitungsgesprächen für die Demo wurden nie Zahlen genannt. ). Wir waren aber weit über 10 000!
Die Bullen waren nicht bereit nachzugeben. So ließen wir uns um die Innenstadt zum Abschlusskundgebungsgelände am Warnowufer im Hafen umleiten.

4.6.07 migrationsdemo rostock g8
[Bullen, PolizistInnen, Cops, Schnittlauch: Egal wie mensch sie nennt, es waren viele…]

Immer mehr Bullen tauchten auf. Mitten unter uns. Es gab bis auf einen mehrere hundert Menschen umfassenden keinen geschlossenen Demozug mehr.

4.6.07 migrationsdemo rostock g8

Am Hafen angekommen, wurden wir herb enttäuscht: Eine riesige Bühne, Verkaufsstände ( Ekliges Essen und Bier zu überteuerten Preisen, Flaggen, Che-T-Shirts, Cds,…Revolution for sale! ) und noch mehr Bullen.
Wir beschlossen dieses Trauerspiel zu verlassen.

Fazit

Trotz der Bullenschikane, der abgebrochenen Demo, des Volksfestes am Hafen, machte es Mut, zu sehen, dass die Themen Migration, Rassismus und die Forderung nach Bewegungsfreiheit weit über 10 000 Menschen mobilisieren konnten.
10 000 Menschen waren in der Lage, sich an den „Keine Gewalt“-Konsens zu halten, um Flüchtlinge in der Demo nicht der Bullenrepression auszusetzen. Und das obwohl die Bullen schikanierten, wo es nur ging.

[ für weitere Infos siehe Indymedia]

[G8] : Auftaktdemonstration in Rostock am 2.6.07

Bericht einer Genossin

Die Demo

Wir kamen in Rostock an, als die Demo schon eine Stunde lang unterwegs war. Vom Bahnhof aus konnten wir schon die Menschenmassen sehen, die sich träge durch die Straßen wälzten: Krass, wie viele Menschen sind denn das?

2.6.07 demo rostock
[80 000 Menschen – hier ein kleiner Ausschnitt]

Wir gingen eine halbe Stunde in schnellem Tempo neben dem Demozug her, da wir an die Spitze wollten. Er wollte kein Ende nehmen.
Jedes erdenkliche politische Thema wurde hier auf irgendeine Art und Weise präsentiert: Tranparente, Großpuppen, Lautsprecherwagen, Megafone, Flugblätter, Musik, Fahnen, Sprechchöre, Skulpturen, Theater,…

2.6.07 gro�puppen demo rostock
[Ein paar der unzähligen Großpuppen]

Jede erdenkliche irgendwie links geartete Gruppe und Partei aus allen Teilen der Welt war hier vertreten: AnarchistInnen, KommunistInnen, SozialistInnen, Attacis, Grüne, SozialdemokratInnen, PazifistInnen, Militante, Gläubische, Genfood-GegnerInnen,…
Eine unglaubliche Vielfalt und Buntheit prägte das Bild der Demo und es nahm kein Ende.

Je mehr wir uns dem Abschlusskundgebungsgelände am Hafen näherten, desto mehr Bullen waren zu sehen: Schwarze USKlerInnen, BFElerinnen, Bereitschaftsbullen in voller Rüstung mit Schild und Knüppel und die schon obligatorische Videokamera in der Hand. Dazwischen immer wieder Anti-Konflikt-Teams der Bullen. In den Seitenstraßen waren vereinzelt Wasserwerfer zu sehen. Und massig Wannen und Sixpacks. Und Räumungspanzer. Und Absperrgitter. Und über uns dauernd der nervig laute Heli.

Trotzdem war die Stimmung gut. Alle konnten sehen, dass es eine wirklich große Demo war. Der Auftakt für den G8-Widerstand schien gelungen!

Wir näherten uns langsam dem Warnowufer am Hafen, wo die riesige Bühne stand und die Abschlussreden gehalten werden und Bands spielen sollten.

Plötzlich kam Bewegung in die Menge: Menschen rannten uns entgegen, verfolgt von Greiftrupps der Bullen. Es war schwer, die Menschen zum Bleiben zu überreden: „Keine Panik! Bildet Ketten! Bleibt stehen!“

2.6.07 Polizei stürmt in demo rostock
[Bullengreiftrupp stürmt in die Demo]

Nun war es an den Bullen, zu flüchten. Sie wurden mit einem Steine- und Flaschenhagel eingedeckt.

2.6.07 bengalo demo rostock

Zu diesem Zeitpunkt wusste um uns herum niemand, was eigentlich geschehen war. Zu groß war die Menschenmenge, zu laut der Heli und die Bühne und überhaupt.
Was wir sahen war ein Hin und Her zwischen Bullen und militanten DemonstrantInnen. (Ich schreibe hier mit Absicht nicht vom Schwarzen Block. Zu bunt gemischt waren die StraßenkämpferInnen: In Art der Kleidung, Herkunft, Alter und Geschlecht.)
Immer wieder mussten sich die Greiftrupps der Bullen unter Gejohle und Applaus der Menge zurückziehen. Es wurde nur eine Parole skandiert: „Hoch die Internationale Solidarität!“.

2.6.07 polizei auf der flucht demo rostock
[Bullen auf der Flucht]

Viele Menschen schienen geschockt von dem, was sie da sahen.
Andere zeigten offen ihre Freude darüber, dass sich endlich einmal die Bullen zurückziehen mussten, weil das Kräfteverhältnis diesmal auf unserer Seite lag. Das haben viele seit Jahren nicht mehr erlebt.
Ein Genosse neben mir rief: „Berliner Bullen, die abhauen! Wie geil!“

2.6.07 polizeirückzug demo rostock
[Berliner Bullen gehen rückwärts]

Das Geschehen auf der Bühne schien niemanden zu interessieren. Es drangen sowieso nur einzelne Satzfetzen zu uns durch. Wer hielt gerade eine Rede? Welche Band spielte im Moment? Egal! Das Gefühl der Stärke und Solidarität war wichtiger.

Danach

Eizelheiten, Zahlen, „Fakten“ und eine Chronologie der Ereignisse erfuhr mensch erst später oder am nächsten Tag. Und auch die waren und sind mit Vorsicht zu genießen, wie sich in den letzten Tagen gezeigt hat. Die Bullen logen sich ihre Verletzten nach oben, die Presse hetzte völlig hysterisch gegen den „Schwarzen Block“ und VertreterInnen einzelner Anti-G8-Organisationen verdammten in vorauseilendem Gehorsam die bösen Autonomen. Es musste viel zurückgerudert werden.
Die befürchtete Spaltung scheint nicht stattzufinden.
Wir brauchen einander:

Ob friedlich oder militant: Wichtig ist der Widerstand!

Die Gewaltfrage zum tausendsten mal…

Wer hat am Samstag angefangen? Wer hat provoziert? Ist Gewaltanwendung richtig oder falsch?

Im Grunde ist es egal, wer am Samstag angefangen hat, wer provoziert hat. Es war am Samstag egal, ob Gewalt eine Lösung ist oder nicht. (Kritik war und ist an vielen Punkten angebracht, soll hier aber nicht das Thema sein.)

Tatsache ist, dass wir alle tagtäglich von Gewalt umgeben sind. Wir leben in einer durch und durch gewalttätigen Gesellschaft. Krieg, Hunger, Kapitalismus, Repression, Überwachung, Hartz 4, Rassismus, Antisemitismus,…
Unser Staat basiert auf Gewalt. Er hat das Gewaltmonopol inne. Und wir alle aktzeptieren stillschweigend dieses Monopol.
Die Knäste sind voller Menschen, die Psychatrien wirtschaften auf Gewinn, Menschen sterben in Abschiebehaft, Konzerne verkaufen den Tod in Raten…und das alles weltweit, nicht nur hier bei uns in Deutschland.
Wir werden von einer fettgefressenen, wirtschaftshörigen Oligarchie regiert, die sich um die Belange der Menschen nicht schert.
Diese strukturelle, allumfassende Gewalt ist uns so in Fleisch und Blut übergegangen, dass wir sie schon gar nicht mehr als Gewalt erkennen.

Und dann werfen ein paar hundert (von 80 000) zornige, wütende Menschen Steine und Flaschen auf Bullen, die in einem Komplettpanzer stecken, bis an die Zähne bewaffnet sind und hinter sich Wasserwerfer, Tränengas, Räumpanzer und Hubschrauber wissen.

Wir sollten die Relationen nicht übersehen, bevor wir uns über Steine und zerbrochene Scheiben ereifern.

2.6.07 unter dem pflaster da liegt der strand
[Unterm Pflaster da liegt der Strand – schaut genau hin!]

Menschen sterben und ihr schweigt.
Scheiben klirren und ihr schreit.

[G8] : Blockade des West-Gates am Zaun um Heiligendamm am 7.Juni

Ein Erlebnisbericht eines Genossen

Über Felder, Wiesen und durch Wälder sickerten um die Mittagszeit unzählige Menschen in Kleingruppen nach Hinter Bollhagen. Das kleine Dorf liegt genau am westlichen Haupttor des Sicherheitszauns, der das G8-Treffen vor der Welt schützen sollte.

Die Polizei hatte zu diesem Zeitpunkt schon klein beigegeben und sich auf die Sicherung des Zaunes beschränkt. Es war ihr unmöglich das weitläufige Gelände zwischen der Sicherheitszone 1 (der Zaun) und der Sicherheitszone 2 abzuschotten. Ohne ernsthaft aufgehalten zu werden, gelangte unsere Gruppe querfeldein an die schon seit dem Vortag bestehende Blockade.

blockade westtor heiligendamm 7.6.2007

Zu diesem Zeitpunkt waren zwei Wasserwerfer und „millions and millions“ (wie sich ein nichtdeutschsprachiger Genosse ungläubig ausdrückte) PolizistInnen in Riot-Montur im Einsatz.
Die Straße zum Tor wurde von den Wasserwerfern selbst blockiert. Diese mussten quer auf der Straße stehen, um freies „Schussfeld“ auf die BlockiererInnen zu haben.

polizei heiligendamm 2007

Hunderte von Menschen standen den Polizeireihen gegenüber, skandierten Parolen und rückten immer wieder näher. Wurde eine imaginäre Linie überschritten, forderte sie der Mann am Mikrofon des Wasserwerfers auf zurückzutreten. Irgendwann wurde dann „geschossen“. Bei der Hitze eigentlich ganz nett, so eine Dusche. Wären da nicht die Verletzten gewesen. Immer wieder mussten Menschen, die vom Wasserstrahl direkt getroffen wurden, von Demo-Sanis versorgt werden. Es gab mindestens eine schwere Augenverletzung.
(Die Wasserwerfer von Mercedes-Benz können mit 16 Bar „schießen“. Damit können Bäume geschält, Euro-Paletten zertrümmert und natürlich auch Menschen getötet werden. Wie hoch der Druck hier war, ist nicht bekannt.)
Auch Knüppeleinsätze gab es vereinzelt. Auch hier gab es Verletzte.

wasserwerfer heiligendamm 2007

Immer mehr Menschen gelangten zur Blockade. Über Stunden strömten und tröpfelten sie herbei.
Es gab Vokü, Wasser und Platz im Schatten, um sich zu erholen. Wir waren über 2500.
Die Menschen unterhielten sich, spielten Fußball, ließen Drachen steigen, nervten PolizistInnen, die sich im Schatten ausruhen wollten und rückten immer wieder der Polizeisperre vorm Tor auf die Pelle. Dazwischen hampelten die Clowns von der Clowns-Army herum.
Die BlockiererInnen waren bunt und schwarz, entspannt und kämpferisch. Sie waren solidarisch und gut gelaunt, weil jedEr erkennen konnte, dass das Konzept der Polizei versagt hatte. Wir bestimmten den Kurs und hatten das Umland in unserer Hand: Alle Straßen nach Heiligendamm waren dicht! Weil wir das so wollten! 16 000 martialisch ausgerüstete Polizisten konnten nichts dagegen tun!

Irgendwann erschienen die Helikopter. Sie flogen Achten über unseren Köpfen und setzten dann hinter einem kleinem Wäldchen am Zaun zur Landung an. Jeder spuckte neue PolizistInnen aus. Immer wieder landeten neue Hubschrauber und entließen immer mehr Robocops. Kaum war er leer, startete er und flog los, um neue SchergInnen zu holen.

hubschrauber westtor heiligendamm 2007

Immer mehr Menschen versammelten sich am Landeplatz, der durch einen Wassergraben und eine Polizeikette gesichert war. Eine Pferde- und eine Hundestaffel waren auch im Einsatz, um das Durchbrechen von DemonstrantInnen zu verhindern.
Nun war die Straße wieder frei, da die meisten zum Landeplatz gegangen waren. Die Wasserwerfer stellten sich parallel. Doch als das bemerkt wurde, strömten die Menschen wieder zur Blockade: Die Wasserwerfer wurden wieder quergestellt, die Blockade funktionierte wieder…

Letztendlich wurde auch diese Straße (indirekt durch die Polizeifahrzeuge selbst) bis Freitagmorgen blockiert.

(Für Ergänzungen sind wir dankbar.)

Bundesrat lehnt Online-Durchsuchung ab

Gestern lehnte der Bundesrat die Aufnahme der geforderten heimlichen Überprüfung von Computern in das Gesetz zur Neuregelung des Telekommunikationsüberwachung ab.
Das heißt, dass es erstmal keine legalen Übergriffe mittels z.B. sogenannter Bundestrojaner auf die PCs der BürgerInnen geben wird.
Geschehen ist dies aber dennoch schon.

Eine Methode, dies zu verhindern, ist es, die Daten auf dem PC und den Datenverkehr zu verschlüsseln (1, 2, 3, 4, 5, 6).

pc-sicherheit

Wir sollten es den staatlichen Schnüffelorganen so schwer wie möglich machen, an Daten über unsere politischen und privaten Zusammenhänge zu gelangen.

Nach dem Gipfel ist vor dem Gipfel…

Der G8-Gipfel in Heiligendamm ist zu Ende und mit ihm der dortige Widerstand.
Die (radikale) Linke geht eindeutig gestärkt aus dieser Woche voller Solidarität, Protest, kreativer Aktionen und erfolgreicher Blockaden hervor.

2.6.2007 gro�demo rostock
[Auftaktdemo in Rostock am 2.6. mit über 60 000 Menschen]

In den Camps, im Convergence Center und auf dem Gegengipfel schritt die internationale Vernetzung voran, Menschen aus der ganzen Welt diskutierten Alternativen zum kapitalistischen System, lernten von einander, stritten sich, feierten miteinander.
Sie taten dies selbstorganisiert, selbstbestimmt und basisdemokratisch.

Im Gegensatz dazu kam wie erwartet bei den Gesprächen der 8 WeltherrscherInnen weniger als nichts heraus. Same procedere as every year…

Das Konzept der Polizei (hatte sie überhaupt eins?) versagte komplett, ihr blieb nur eins: den Zaun zu schützen.
Die zehntausenden widerständischen Menschen bestimmten das Bild und das Geschehen.

7.6.2007 blockade west gate
[mit dem Rücken zur Wand…äh zum Zaun]

Das hat Mut gemacht und gibt Kraft für Kommendes. Denn auf diesen Lorbeeren sollten wir uns nicht ausruhen.

Der Kampf geht weiter!
Jeden Tag in jedem Jahr!

[In den nächsten Wochen werden wir hier in loser Folge Berichte von GenossInnen, die bei den Protesten waren, veröffentlichen]

Spontane Soli-Demo in Offenburg


Am Donnerstag, den 7.Juni fand auch im beschaulichen Offenburg eine Soildaritätsbekundung mit dem BlackBlock in Rostock statt.
Inhalt der spontanen Demonstration war es über die Geschehnisse an der Ostsee aufzuklären, abseits von einseitiger Medienberichterstattung. Auch die, von verschiedenen linken Gruppierungen und Organisationen vorgenommene, Distanzierung von Autonomen rund um Heiligendamm wurde scharf kritisiert.
Gegen 18.30 Uhr zogen mehr als 10 Menschen in die Innenstadt. Von hier aus hat sich die Demo, vorbei an gut besuchten Eiscafés, in Richtung des örtlichen Polizeireviers bewegt. Durch lautes und entschlossenes Auftreten wurden PassantInnen auf die Soli-Demo aufmerksam. Auch Feuerwerkskörper aus fernost erregten die Aufmerksamkeit, welche der doch eher überschaubare Block genoss.

Jung und Alt nahmen unser informierendes Flugblatt überwiegend wohlwollend entgegen. Der Text des Flugblattes wurde wegen Zeitnot von der ALB (Antifaschistische Linke Berlin) übernommen und um einige Zeilen ergänzt.
Weitgehend unbehelligt von TeamGreen konnten wir unser Anliegen den desinformierten OffenburgerInnen, trotz der geringen Anzahl der Teilnehmenden, gut vermitteln.

Ob friedlich oder militant – wichtig ist der Widerstand
Solidarität mit ALLEN Formen des Widerstands
Gemeinsam für eine bessere Welt !